Jürgen Dietze wurde 1954 in Leipzig geboren. Sein Studium absolvierte er 1970 bis 1975 an der Hochschule für Musik »Felix Mendelssohn-Bartholdy« in Leipzig in den Fächern Oboe bei Burkhard Glaetzner und Komposition bei Peter Herrmann. Nach einer einjährigen Aspirantur erfolgte die erste Anstellung als Oboist am Gewandhausorchester Leipzig. 1978 wechselte er zum Leipziger Rundfunk-Sinfonieorchester, dem jetzigen MDR-Sinfonieorchester. Dietze nahm an zahlreichen Wettbewerben teil und errang Preise und Diplome in Markneukirchen, Prag, Bratislava,Toulon und Colmar.
Als Solist spielte er mit über 40 Orchestern zusammen. Konzertreisen führten ihn in die Slowakei, die Ukraine, die Niederlande, sowie nach Nicaragua, Polen, Bulgarien und die Mongolei.
Der in Volkach bei Würzburg geborene Christian FP Kram studierte Musiktheorie und Klavier an der Folkwang-Hochschule Essen, in der Folge Komposition bei Manfred Trojahn an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf sowie bei Peter Herrmann und Dimitri Terzakis an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater. Während seines 2001 »mit Auszeichnung« abgeschlossenen Meisterklassenstudiums erhielt er ein Meisterschülerstipendium des Freistaates Sachsen. 2002–2004 folgte ein Zusatzstudium im Fach elektroakustische Komposition bei Eckart Rödger an der HMT in Leipzig.
Kram erhielt mehrfach Stipendien, u. a. das Tübinger Kompositionsstipendium, Aufenthaltsstipendien im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, Arbeitsstipendien der Kulturstiftung Sachsen, Arbeitsstipendien der Stadt Leipzig, ein Arbeitsstipendium der Gema sowie zwei Arbeitsstipendien des Deutschen Musikrates im Programm »Neustart Kultur«. Er war Preisträger diverser Kompositionswettbewerbe und besuchte diverse Meisterkurse für Komposition, u. a. bei Wolfgang Rihm, Paul-Heinz Dittrich, Gerhard Stäbler, Diether Schnebel, Mathias Spahlinger, Folke Rabe und Osvaldas Balakauskas.
Seine Werke wurden wiederholt in verschiedenen Rundfunkanstalten gesendet. Die Uraufführung der kompositorischen Interpretation des Liederzyklus »Dichterliebe« von Robert Schumann wurde im September 2006 live im Mitteldeutschen Rundfunk übertragen und später erneut ausgestrahlt.
Als Vorsitzender des Sächsischen Musikbundes und Vorstandsmitglied im MusikProjektSachsen ist er eng verwurzelt mit der Kulturszene in Leipzig und Sachsen, seit über 20 Jahren organisiert er Konzertreihen, Festivals sowie musikpädagogische Projekte mit zeitgenössischer Musik.
Von 2018–2024 promovierte er an der Hochschule für Musik Dresden über das Liedschaffen Wolfgang Rihms, die Dissertations-Schrift »Die Entwicklung der musikalischen Sprache in Wolfgang Rihms Klavierliedern – Alles ist innig« wurde im April 2025 im Tectum-Verlag publiziert.
Im November 2022 erschien die Porträt-CD Grenzschatten mit diversen Liederzyklen Krams beim Leipziger Klassik-Label Genuin. Eine weitere CD mit Klavierwerken (… verso l’interno …) wurde in Kooperation mit dem MDR produziert und erschien im Juni 2024 beim Label castigo.
Kram schuf neben musiktheatralischen Werken wie der 2000 uraufgeführten Oper Leonce und Lena, Orchesterkompositionen wie den Zyklus Etüden, zahlreiche Lieder, Ensemble- und Kammermusik.
programm:
Kyrie-Fanal für Tape (2003/04)
Das Tape-Stück »Kyrie-Fanal« entstand 2003/04 im elektronischen Studio der Hochschule für Musik und Theater Leipzig.
Der Titel deutet bereits auf das Grundmaterial des Stücks hin:
a) dem Kyrie aus der e-moll-Messe von Anton Bruckner
b) ein eigenes Orgelstück aus dem Jahr 2000 mit dem Titel »Fanal de l’ombre«
Das Stück besteht aus vier Formteilen, wobei die ersten drei Teile jeweils anfangs Material aus dem Bruckner’schen Kyrie verwenden, dann solches meines Orgelstücks, im 4. Abschnitt werden dann beide Materialien überlagert.
Abschnitt 1 und 2 sind ähnlich aufgebaut: anfangs erscheint ein e-moll-Cluster, der dann diminuiert wird und in den Einzelton e1 übergeht. Aus diesem schält sich dann ein reines Zitat aus Bruckners Kyrie heraus, das allmählich erneut in den e-moll-Cluster übergeht. Der Cluster selbst ist aus dem Bruckner-Zitat gewonnen, in dem die nacheinander auftretenden Töne festgehalten, quasi eingefroren werden (freeze-Effekt).
Im sich anschließenden kontrastierenden Abschnitt mit dem Orgelstück wird der Vocoder-Effekt eingesetzt. Die vokale Klangfarbe des Sprechens (Kyrie) wird dem Orgelklang übergestülpt. Es entsteht der Eindruck, dass die Orgel spricht.
Der Anfang des dritten Teils läuft ähnlich wie in den Abschnitten 1 und 2: auf einen »freezing sound« (nun ein chromatischer 12-Ton-Cluster) folgt nun als weitere Steigerung der vollständige e-moll-Dreiklang, aus dem ein fortissimo-Zitat Bruckners hervorgeht (Christe eleison). Dieses wird regelgerecht abgeschnitten durch einen Einsatz vielstimmiger Orgelklänge (aus »Fanal«), die allmählich durch den Ringmodulator verfremdet werden, das heißt der originale Orgel-Klang wird peu à peu unkenntlich gemacht.
Der vierte Abschnitt setzt mit einem kurzen Bruckner-Zitat ein, dieses wird durch verschiedene Verfahren (pitch-shifter, Kammeffekt) bearbeitet, gleichzeitig wird das Bruckner-Zitat überlagert von Orgel-Material, das aber entgegengesetzt zum Bruckner-Material aus der Unkenntlichkeit allmählich wahrnehmbar wird. Das Bruckner-Material verflüssigt sich während der Orgel-Klang nach und nach zum Original wird. Dieses Verfahren wird in der Folge wieder umgekehrt: der Orgel-Klang wird wieder mehr und mehr verfremdet, parallel dazu wird der Schluß des Bruckner-Kyries erneut aus der Unkenntlichkeit bis zum Original geführt (dem E-Dur Schluß Bruckners).
Canti (2009)
»Canti« entstand 2009 als Auftragswerk des Sächsischen Musikrates für den Wettbewerb »Jugend musiziert«, konkret für Laura Bormann (Oboe) und Kristin Jäkel (Klavier), beide damals am Sächsischen Landesgymnasium für Musik »Carl Maria von Weber«, welche in der Duo-Wertung 2010 an diesem Wettbewerb teilnahmen.
Die Urfassung ist für Oboe d’amore, eine tiefer klingende Oboe. Ihr lieblicher Klang evozierte den Namen Oboe d’amore.
»Canti« ist ein dreisätziges Werk mit den Sätzen:
1) Bewegung
2) Canto
3) Begegnung
Circolazione circolare für Oboe und Tonband (2002/03)
Sabine Kannengiesser gewidmet.
Die Menschheit dreht sich im Kreis, immer und immer wieder. Keine besonders neue Erkenntnis? – dreht sich unser Planet Erde doch jeden Tag einmal um die eigene Achse. Oder vielleicht doch? Lernt die Menschheit, lernt das menschliche Individuum, lernen die politischen Verantwortlichen auch heute noch so wenig aus der Geschichte? So viele Dinge wiederholen sich, ständig und immerzu, obwohl man doch bei so vielen Dingen vom Un-, Wider- bzw. Wahnsinn überzeugt ist! Wir, der Einzelne und die Gesamtheit schaffen es ebenso nur selten, aus den verschiedenen Kreisläufen und Zwängen auszubrechen.
Circolazione circolare (Zirkulation, Kreislauf, Verkehr, Kreisverkehr) thematisiert dies. Den Schwerpunkt des Stückes bildet das Thema »Lärm«. Lärm umgibt uns jeden Tag. Es werden Pegelwerte gemessen, Statistiken erstellt, Richtwerte erlassen, Lärmschutzverordnungen verabschiedet usw. Was ändert sich?? Materialquellen sind neben einem Text aus der »Leipziger Volkszeitung« zahlreiche »objets trouvés« aus dem täglichen Leipziger Leben (»Leipziger Allerlei«). Das Stück entfernt sich jedoch auch vom Thema Lärm, beleuchtet das Individuum in seinem täglichen Existenzkampf, die Gedichte »Kreisbewegung« (Christel Mertens) und »Hymne an den Kreis« (Christa Wißkirchen) sind primäre Materialquellen und gleichzeitig Ausgangspunkt für verschiedene Blickwinkel. Das Stück entstand im elektronischen Studio der Hochschule für Musik und Theater »Felix Mendelssohn Bartholdy Leipzig« mit Unterstützung von Prof. Eckard Rödger.
Oboist auf dem Tonband: Bernhard Forster
Frauenstimme: Sabine Kannengiesser
Männerstimme: Christian FP Kram
Desweiteren wirkten unterstützend bei der Beschaffung diverser »objets trouvés: Ulrike Martin, Thorsten Klemm und Sabine Kannengiesser.