klavier und tuba
werke von tom johnson, morton feldman, john cage und eigenes …
steffen zeller experimentierte schon als kind mit allem, was die küche klanglich hergab. auch das spätere studium unter anderem der musikwissenschaften konnte weitere experimente z.b. mit tuben, kuhglocken, kirchenorgeln, thereminen, weingläsern, daxophonen, landkarten und natürlich flügeln nicht gänzlich verhindern. dennoch geriet er nicht zuletzt durch ein aufbaustudium orchesterdirigieren wieder in ordentliche bahnen.
bei den jährlichen musik-kreativ-tagen in der musikakademie hammelburg etwa war er naturgemäß zuständig für klassische und die experimentelle musik – letzteres nicht immer zum reinen vergnügen der teilnehmer:innen …
steffen zeller organisiert regelmäßig konzerte mit werken zeitgenössischer komponisten und ist dort gerne als ausführender musiker dabei. erst vor kurzem entdeckte er die vielfachen mathematischen experimente tom johnsons mit verschiedenen musikalischen parametern für sich und wird daher im rahmen des festivals mehrere werke dieses komponisten – und davon angeregte eigene – aufführen.
er arbeitet im brotberuf für den tonkünstlerverband bayern, als musikschulleiter in marktbreit und als nebenamtlicher kirchenmusiker in nassau/weikersheim.
tom johnson – das experiment mathematik in der musik
eine kurze geschichte aus dem unterricht bei morton feldman in den 1960ern:
»warum schreiben sie nicht einmal – nur mir zuliebe, nur mal zur abwechslung – einfach ein paar akkorde? schreiben sie keine musik. nehmen sie nur ein paar akkorde, denn ich möchte, dass sie sich genau überlegen, welche akkorde sie mögen.« (…)
so vergingen etwa drei wochen. dann ging ich zu ihm, entschuldigte mich und sagte: »diese aufgabe war doch viel schwieriger, als ich dachte, aber schließlich habe ich sechs akkorde gefunden, die mir ganz brauchbar erscheinen. ich bin mir aber nicht sicher.« er schaute sich diese sechs vierstimmigen akkorde an. er spielte sie von links nach rechts, dann von rechts nach links, und schließlich in wechselnder folge. »warum tun sie das?«, fragte ich ihn, und er meinte: »ich überprüfe nur, ob sie die richtige reihenfolge genommen haben oder nicht.« darauf ich: »sie haben mir nicht gesagt, dass ich sie in eine reihenfolge bringen soll.« darauf er: »nein, ich weiß. es sind isolierte akkorde, aber ich glaube, sie haben sie dennoch in die richtige reihenfolge gebracht.« darüber hatte ich überhaupt noch nicht nachgedacht. er spielte sie nochmals nacheinander und sagte: »ich glaube, die reihenfolge ist richtig. und ich glaube, sie haben bei dieser kleinen aufgabe etwas gelernt. das scheinen wirklich ihre eigenen akkorde zu sein.« feldman war nie entmutigend, nie negativ, aber er sagte selten etwas so eindeutig positives. das war bemerkenswert. für mich wurden diese einfachen sechs akkorde sehr wichtig, weil sie tatsächlich wichtig waren. mit meinen siebenundzwanzig, achtundzwanzig jahren war ich schon weit gekommen. jetzt kehrte ich zur elementaren harmonik zurück. was ist meine elementare harmonik? ich hatte sie gefunden.
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bis auf counting keys (1982) sind alle werke von tom johnson, die im rahmen des festivals experimentelle musik erklingen, nach 2000 komponiert. zu dieser zeit begann er verstärkt »nach mathematischen prinzipien« zu komponieren.
was bei counting keys 2 und 4 aus dem jahr 1982 noch ganz schlicht gehalten ist: eine fünftongruppe wird auf drei zeitebenen übereinander gelegt (2), eine tonfolge wird immer weiter nach oben wachsend gestapelt (4) – wird nach 2000 immer komplexer und durchdringt mathematisch alle ebenen der komposition. so entstehen aus zwölf tönen – ähnlich und dennoch anders als in der »klassischen« zwölftontechnik – ganz neue strukturen.
beispielhaft zum verständnis dieser verfahren hier eine erläuterung mit einer grafik zu block design for piano von tom johnson selbst:
»ich habe dieses stück block design genannt, weil mathematiker diesen begriff in der kombinationstheorie für eine bestimmte konfiguration von kombinationen verwenden. hier handelt es sich in technischer hinsicht um einen 4-(12,6,10)-blockplan. das bedeutet in musikalischen begriffen für mich, dass es zwölf töne gibt, die auf sechsstimmige arpeggien so verteilt sind, dass jede kombination von vier bestimmten tönen genau zehnmal in zehn verschiedenen arpeggien vorkommt. genauso kommt jede kombination von drei tönen dreißigmal in dreißig verschiedenen arpeggien vor, jedes tonpaar fünfundsiebzigmal in fünfundsiebzig verschiedenen arpeggien und jeder der zwölf töne hundertfünfundsechzigmal in genau der hälfte der dreihundertdreißig arpeggien. in gewisser weise realisiert das stück schönbergs ideal der gleichberechtigung aller zwölf töne. die musik folgt den zahlen ton für ton. nur dann, wenn der abstand eine große terz beträgt, erscheinen diese gleichzeitig.«
zu den takten 67-77 hat johnson eine grafik gezeichnet, die diese elf takte zurückübersetzt in zahlen:
die zugeordneten töne sind 0a, 1cis, 2f, 3gis, 4c, 5e, 6g, 7h, 8dis, 9fis, 10b, 11d
durch diese abstrakte und dabei sehr klare und außerhalb der üblichen hierarchien von tonfolgen liegende konstruktion entsteht ein ganz eigener kosmos von klangfolgen und zusammenklängen. die struktur hat eine strenge logik, die durchaus hörbar ist, das werk entzieht sich jeglichem tonalen bezug. durch die häufig bei tom johnson darüber gelegte rhythmische komponente erreicht er hier eine leichtere zugänglichkeit für die hörer:innen. denn am ende greift er sehr wohl in die konstruktion ein und formt endgültig die musikalischen parameter sehr klar nach seiner eigenen freien werkidee oder klangvorstellung.
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